1. Schreibwettbewerb Geschichte von Gryph

Pino der freundliche Wasserdrache

Unter großen Begeisterungsrufen und lautem Klatschen hebt sich der rote Samtvorhang. Das Publikum, welches sich zum Großteil aus Kindern zusammensetzt, verstummt binnen weniger Sekunden. Ihre neugierigen Blicke mustern das auf der Bühne platzierte Ei. Es ist grün, grün wie das Meer der Hafenstadt, auf dessen Marktplatz sich diese beinahe alltägliche Szene abspielt.

„Knack.“ Ein Raunen fährt durch die Menge. „Knick Knack.“ Die Schale des Eis zerbricht und ermöglicht einer seltsamen Kreatur ihren scheinbar ersten Kontakt mit einem Sonnenstrahl. Ihre schwarzen Knopfaugen kräuseln sich irritiert, ehe der Blick des Wesens aus grünem Filzstoff über die Menge schweift. „Oh! Ähm… Hallo!“ Die Menge erschrickt.

„Nicht erschrecken! Ich bin’s, Pino!“ „Pino-wer?“ fragt ein besonders neugieriges Kind aus der zweiten Reihe. „Na, Pino eben.“ Wie um den Beweis dafür anzutreten, wackelt Pino mit den orangenen Schwimmhäuten, die seine kleinen Filzohren zieren, hin und her. Einige Kinder scheinen immer noch irritiert, wieso das seltsame Stoffknäuel aus dem glänzenden Ei spricht. Andere sind schon voll in das Handpuppenspiel eingetaucht. Quer durcheinander rufen sie mehr als ein Dutzend Fragen. „Wo kommst du her? Wo sind denn deine Eltern? Willst du uns fressen?“ Letztendlich bleibt Pino nichts anderes übrig, als auf alle Fragen zusammen zu antworten: „Hört mal her, ich weiß das doch alles nicht! Ich bin eben erst aus diesem Ei geplumpst und habe ansonsten leider meine Erinnerungen verloren.“ In der ersten Reihe rückt ein Kind kurzum etwas von der Bühne weg, um wirklich sicherzugehen, nicht gefressen zu werden. Dies bemerken die friedliebenden Knopfaugen des Wasserdrachen sofort, und sein gepolsterter Schweif hängt gleich etwas entmutigt herab. „Hee! Du brauchst doch keine Angst zu haben. Wenn es eins gibt, dass ich sicher weiß, dann dass ich ein sehr friedliebendes Wesen bin.“ Etwas trauriger fügt er dann hinzu: „Naja. und vielleicht noch, dass ich hier ziemlich einsam bin.“ Begleitet vom zögerlichen Kichern einiger Kinder schaut sich Pino auf der Bühne um und erkundet jeden hölzernen Stein und jede Requisite mehrfach. „Halloo? Ist hier denn wirklich niemand?“ Etwas entmutigt lässt das ulkige Wesen daraufhin die Schultern hängen. Und auch nach mehreren Szenenwechseln und Begegnungen mit einem Ork, drei kleinen Schweinchen und einer großen bösen Gans hat Pino noch keinen einzigen Freund, geschweige denn etwas über seine Vergangenheit herausgefunden. Der letzte Szenenwechsel führt Pino wieder an den Ausgangspunkt seiner Reise: die Schalen seines Eis liegen nun achtlos verstreut vor dem Ufer des Sees, an dem ihn das Publikum zuerst getroffen hat. Mittlerweile ist Pino nicht mehr nur traurig, sondern wütend. Er tritt gegen einen Baum und tut sich dabei, sehr zur Belustigung einiger schadenfroher Kinder, selbst mehr Weh als der alten Eiche. Nun brüllt Pino laut: „Waahhh!!“- Pino spukt Wasser statt wüsten Beschimpfungen in die Menge. Einige Kinder sind verängstigt, andere empört. Nur ein einzelnes Kind bekommt glänzende Augen und wendet sich Pino zu. „Woah! Jetzt weiß ich, was du bist: ein Wasserdrache! Du kommst bestimmt aus dem See!“

Aufmunternd blickt es Pino an, steht auf, und macht einen Schritt auf die Bühne zu. „Fische sind doch sowieso viel cooler als stinkende Orks oder bissige Gänse. Und allein warst du doch noch nie! Wir alle haben dich die ganze Zeit begleitet. Wir alle sind deine Freunde.“

Jetzt strahlt der kleine Drache über das ganze Gesicht, und verschwindet nach mehrfachen Ermutigungsrufen im See. Der Vorhang fällt, und nach einigem Applaus bleibt nur noch ein äußerst gerührter Handpuppenspieler zurück.

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